Ein Russland-Kenner in Trier

Matthias Platzeck rückt das deutsch-russische Verhältnis ins richtige Licht

Wer auch nur im Entferntesten Gedanken zum deutsch-russischen Verständnis und Zweifel an dem derzeitigen Stimmungsbild in der westlichen politischen Landschaft hegt, der konnte im Vortrag von Matthias Platzeck, früherer brandenburgischer Ministerpräsident und Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, derzeit Vorsitzender des Vorstandes Deutsch-Russisches Forum e. V., Offenbarung finden. Dies aber nur, wenn eigenes Denken nicht auf dem Mainstream „guter Westen, böser Osten“ (Putin) beruht.

Man sieht es, sie können gut miteinander. Katarina Barley mit ihrem Gast Matthias Platzeck am 5. September 2017 in Trier

Offensichtlich standen zwei Sympathieträger, die sehr gut miteinander können, vor den Zuhörern im vollbesetzten Veranstaltungsraum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Trier. Die Empathie stand mit im Raum, als MdB und Bundesfamilienministerin Katarina Barley einen der profiliertesten Russland-Kenner vorstellte. Das für die meisten Deutschen hochbrisante Thema zum derzeitigen deutsch-russischen Verhältnis sorgte für Vollbesetzung im Veranstaltungsraum.

Eigene Erkenntnisse bestätigt
Für mich persönlich stelle ich gute und freundschaftliche deutsch-russische Beziehungen an die erste Stelle guter Nachbarschaft und Friedenspolitik. Dies nicht nur wegen der leidvollen russisch-deutschen Geschichte sondern auch und insbesondere wegen der kulturellen Verbundenheit beider Völker.

Platzecks Vortrag über das derzeit gestörte Verhältnis Deutschlands und Europas gegenüber Russland deckte sich in fast allen Punkten mit meinen in den letzten 15 Jahren gewonnenen Erkenntnissen über das Land, in dem 10 Zeitzonen, wie Platzeck es anschaulich darstellte, die Größe und Vielfalt beschreiben. Dass Platzeck auch kritische Anmerkungen zu russischer Politik und Einflüssen nicht umging, zeugt von seiner neutralen Position.
Mein verbaler Einwurf, dass Platzecks Rede auch meinem Kopf entsprungen sein könnte, fand scheinbar auch Zustimmung bei den aufmerksamen Zuhörern.

Gute Zeiten – schlechte Zeiten
Ich erinnere mich an gute Zeiten deutsch-russischer Freundschafts- und Friedensoffensiven. Basis meiner positiven Erkenntnisse ist die von der rot-grünen Bundesregierung im Jahre 2001 ergangene Einladung an Putin, der am 25. September 2001 im Deutschen Bundestag eine Rede in deutscher Sprache hielt, deren roter Faden  seine Ansichten zu den deutsch-russischen Beziehungen, zur Entwicklung Russlands und eines vereinigten Europas und zum Problem der internationalen Sicherheit deutlich machte.

Annexion, Sezession oder Beitritt durch Referendum
Platzecks Gebrauch des Substantivs „Annexion“ zur russischen Rückführung der Krim sei  bisher auch von Staatsrechtlern nicht einheitlich bestimmt. Vielleicht, so meinte Platzeck, dass in 20 Jahren die rechtliche Bewertung des russischen Aktes der Wahrheit näher komme.

Meiner (des Bloggers) Meinung nach war die Rückführung der Krim ein strategisches Unterfangen, um vorausschauend zu verhindern, dass die NATO (sprich USA) über eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine die Schwarzmeer-Halbinsel vereinnahmt.
Als größte vorstellbare militärische Konfrontation in diesem Raum bezeichnete Platzeck diese Perspektive. Das eventuell vorhandene Verständnis für die Rückführung der Krim darf deshalb keineswegs als Bagatellisierung einer militärischen Gewalt Russlands kritisiert werden. Auch die Krimbevölkerung wollte das so.

Was Putin den Deutschen sagte, gilt auch noch heute
Er ist kein Friedensengel, aber alles andere als ein lüsterner Eroberer und Kriegstreiber.
Was er vor fast genau 16 Jahren zu den Deutschen sprach, sollte man lesen oder auch hören. Hier der Wortlaut seiner damaligen Rede in Schrift und Ton:
Wortprotokoll der Rede Wladimir Putins im Deutschen Bundestag am 25.09.2001 

Putins Rede im Video
die er auf eigenen Wunsch in russischer Sprache einleitete und wörtlich bekundete: „Heute erlaube ich mir die Kühnheit, einen großen Teil meiner Ansprache in der Sprache von Goethe, Schiller und Kant, in der deutschen Sprache, zu halten.“

An diesem denkwürdigen Tag erobert Wladimir Putin im Bundestag die Herzen der (meisten) Deutschen.

Es wäre so schön gewesen! Heute ist das Verhältnis mehr als abgekühlt. Viele Ereignisse führten zur Entfremdung zwischen Putin und den Deutschen; die jeweiligen Interpretationen gewisser Denkrichtungen sind schuld daran.

Der Thinktank (englisch) oder die Denkfabrik (deutsch)“Atlantikbrücke“
Die sogenannte Atlantikbrücke e.V.  dürfte hier in erster Linie dem Interesse des westlichen Denklagers gegenüber Russland dienen. Wenn von den „Atlantikern“ die Rede ist, meint dies den Verein, dessen Mitglieder vordergründig militärpolitisch die USA als die Friedenmacht sehen wollen/müssen die nach deren Gusto angeblich für Frieden und Sicherheit in der Welt (!) stehen. Wer mehr über diesen deutsch-amerikanischen Verein, wissen will, sollte mal einen Blick in die illustre Mitgliederliste werfen. Die interessante Ansammlung quer durch fast alle etablierten Parteien findet man hier.

Ein Geschenk mit Tiefgang; Karl-Marx-Bildnis auf der Spieluhr

Zum Abschied „Die Internationale“
Und weil Platzecks Vortrag dem Geist des großen Philosophen Karl Marx entsprach und die Veranstaltung in dessen Geburtsstadt Trier stattfand, fand Katarina Barley auch das richtige Abschiedsgeschenk. Eine Spieluhr mit der Melodie „Die Internationale“ gehörte bislang wohl noch nicht zu Platzecks Auszeichnungen.

Die Kurbel beweist den Inhalt; „Die Internationale“ zum Aufziehen

 

 

 

Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Europa veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Ein Russland-Kenner in Trier

  1. Egon Sommer sagt:

    Lieber Raimund,
    herzlichen Dank für Deinen umfangreichen und positiven Kommentar zu meinem Blogbeitrag.
    Neu für mich war bis heute der von Dir im Postskriptum verwendete Begriff „plingplong“. Google hat mir weiter geholfen; mit oder auch ohne Döschen.
    Mit freundschaftlichen Grüßen,
    Egon

  2. Raimund Scholzen sagt:

    ich war selbst bei der veranstaltung und fand sie nicht nur gut, sondern auch wichtig. unsere „öffentliche meinung“ vertritt in zunehmendem maße, wie ich glaube festzustellen, die gedankenwelt des „kalten kriegs“. man muss Putins politik nicht in allen punkten gutheißen, aber ich glaube, etwas mehr kenntnis der russischen geschichte würde auch mehr zum verständnis der russischen befindlichkeit beitragen. wir sollten schon wissen, daß Kiew die wiege Russlands ist und Moskau erst viel später die herrschaft über ganz Russland errungen hat, und noch viel später St-Petersburg. es war zu zeiten von Katharina der Großen, als dieses sogenannte Neu-Russland nach und nach sich zum Schwarzen Meer ausbreitete, die Osmanische Herrschaft zurückdrängte und mit Russen besiedelt wurde. dieses Neu-Russland bildete zusammen mit dem Kiewer Klein-Russland die Ukraine. in der UdSSR gehörte die Krim als territoriale exklave zur RSFSR, also zur Russischen Föderativen Sowjetrepublik, bis Nikita Chruschtschow sie verwaltungsmäßig innerhalb der UdSSR der Ukraine zuteilte. dabei blieb sie denn auch, als die Sowjetunion sich auflöste und in einzelne souveräne staaten zerfiel. ich glaube, wenn die ukrainische führung nicht so kurzsichtig gewesen wäre, in der Südukraine auch russisch neben ukrainisch als zweite amtssprache zuzulassen, dann hätte der separatismus dort keine chance gehabt. somit hatte Putin aber einen eleganten vorwand, mit Georgsbändchen einen irredentismus zu praktizieren und die „heimholung“ der Krim noch patriotisch draufzusetzen.
    die gefahr sehe ich auch in den baltischen staaten, wo starke russische minderheiten vom öffentlichen leben ausgeschlossen werden, weil die russische sprache nicht mehr als zweite amtssprache anerkannt ist. bei einer urlaubsfahrt durch alle drei baltischen länder hatte ich das kuriose erlebnis, daß unsere litauische reiseleiterin sich mit dem estnischen hotelpersonal auf russisch unterhielt.
    leider ist die zu anfang der 1990er jahre greifbare „friedensdividende“ nach und nach zerfallen. wir hatten schon konkret über die partnerschaft unseres SPD-ortsvereins (Trier-Süd) mit dem ortsverein (oder wie auch immer das heißen mag) einer russischen sozialdemokratischen partei in Omsk, als mitten Sibirien, nachgedacht, aber das hat sich in luft aufgelöst. dann gab es eine schulpartnerschaft zwischen dem MPG und einer schule in Russland, ich glaube in Troizk; davon habe ich auch lange nichts mehr gehört. ich finde das so schade, denn je weniger man voneinander weiß, desto fremder wird man sich, und um so anonymer ist die gegenseitige vorstellung voneinander.
    für mich gehört Russland eindeutig zu Europa, ich denke da nur an die russische literatur – Puschkin, Dostojewski, Tolstoj,
    Pasternak, Bulgakow etc. – und an die russische Musik – Glinka, Tschajkowski, Prokofiew, Schostakowitsch etc.; es wäre ein jammer, wenn wir diesen reichtum nicht mehr miteinander austauschen könnten.
    p.s. aus ganz alten zeiten (den 1968ern) besitze ich auch noch ein plingplong mit der Internationale, nicht im döschen …

Kommentare sind geschlossen.