Johann von Böhmen – Der blinde König

Johann der Blinde, König von Böhmen, Graf von Luxemburg, kehrt heim

Ein Thekengespräch mit einem Tawerner Gastwirt darf man als ursächlich für eine Recherche ansehen, die ich im Interesse der Gemeinde Tawern in der Dorfchronik abgebildet sehen wollte. Die Gebeine von König Johann dem Blinden, Graf von Luxemburg, seien anlässlich der Rückführung 1946 während eines Zwischenstopps mit militärischem Ehrengeleit vor der damaligen Gaststätte seines Vaters aufgebahrt gewesen, so der Gastwirt.

Der heutige Anlass, meine Nachforschungen aus dem Jahre 2006 in diesem Blog zu veröffentlichen, ist ein falscher Eintrag zum Thema König Johann von Böhmen in der „Freien Enzyklopädie Wikipedia“.

Das Ende der Odyssee der Gebeine König Johanns ist es wert, richtig beschrieben zu werden. Zufällig, im 60. Jahr nach der Rückkehr der körperlichen Überreste des Böhmerkönigs nach Luxembourg sah ich mich veranlasst, das für unseren hiesigen Raum aufschlussreiche Geschehen aufzuarbeiten. Das war im Jahre 2006.

Ein aktuell von mir kürzlich auf Wikipedia gefundene Darstellung des Lebens und Sterbens des König Johann von Böhmen schildert die illustre Geschichte von Jang de Blannen (luxemburgisch), Jan Lucemburský (tschechisch),  Jean de Luxembourg  (französisch) Jean l’Aveugle – Johann der Blinde (französisch-deutsch).
Alles, was in dem Wiki-Beitrag erzählt wird, wird so gewesen sein, wie beschrieben.
Der letzte Satz im Wiki-Fließtext, der da lautet, „1945 wurde Johann auf Veranlassung des Staates Luxemburg aus der Grabkapelle in einer Nacht-und-Nebel-Aktion exhumiert und nach Luxemburg in die Krypta unter der Kathedrale überführt.“ ist jedoch nachweislich nicht richtig.

Nicht 1945, nicht in einer Nacht- und Nebel-Aktion, sondern in einem militärischen Staatsakt wurde der luxemburgische Nationalheld heimgeholt.

Lesen Sie den nachvollzogenen Verlauf der Rückführung der königlichen Gebeine aus der Grabkapelle in Kastel-Staadt (Kreis Trier-Saarburg) bis zur vorerst letzten Ruhestätte in der Krypta der Kathedrale Notre Dame in der luxemburgischen Hauptstadt, wie es am 25. August 1946 geschehen ist:

Johann der Blinde, König von Böhmen, Graf von Luxemburg, kehrt heim

von Egon Sommer

Viele kennen das überaus reizvolle Areal um die Grabkapelle des König Johann von Böhmen, auch als der Blinde König bekannt, hoch über der Saar, bei Kastel-Staadt, nahe Saarburg. Nur wenige kennen jedoch die Hintergründe und das Geschehen über die Rückkehr in seine Heimat Luxemburg nach dem 2. Weltkrieg.

Klause und Schinkel-Grabkapelle, hoch über Serrig an der Saar, bei Kastel-Staadt. Ein geschichtshistorischer Exkurs zur vorletzten Ruhestätte des Böhmerkönigs ist ein höchst reizvolles und interessantes Ausflugsziel. Foto: Egon Sommer

Zu den alliierten Siegermächten des 2. Weltkrieges zählend, nahm die luxemburgische Armee von 1945 bis Ende 1946 die Rolle der Besatzungskräfte in einem begrenzten deutschen Gebiet entlang von Sauer und Mosel wahr. So kam es, dass luxemburgische Soldaten eine Ehrenwache an der Grabstätte ihres Nationalhelden in Kastel-Staadt aufstellten, mit dem Ziel, ihren seit 1809 in Mettlach und ab 1838 in der vom deutschen Hofbaurat C. Fr. Schinkel erbauten Grabkapelle auf dem Felsen, hoch über der Saar, auf fremdem Boden beigesetzten Landsmann in seine Heimat zurückzuführen.
Dr. Paul Spang, † 15. März 2009, ehemals Direktor des Nationalarchivs Luxemburg, Präsident der historischen Sektion des großherzoglichen Instituts, berichtete in einem Beitrag, veröffentlicht u.a. im Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte, 19. Jahrgang (1993), dass, aus welchem Grund auch immer, am 10. August 1946 in Kastel, der Sarg mit den sterblichen Überresten König Johanns geöffnet wurde.

Die Öffnung des Sarges mit König Johanns Gebeinen am 10. August 1946. In der Bildmitte der Mentor der Rückführung nach Luxembourg, Professor Lucien Koenig († 1961), in Luxemburg bekannt als Siggi vun Letzeburg. Lapidar soll er nach der Sargöffung bemerkt haben: „En ass ett!“ Foto: Collection Will Albrecht;  Paul Spang; „Die Grabstätten Johanns des Blinden“ Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte, 19. Jahrgang (1993), Seite 228.

Festgehalten von dieser Begebenheit ist eine Feststellung des anwesenden Mentors für die Rückführung, Professor Lucien Koenig, († 1961). Der als „Siggi vu Letzeburg“ bekannte Gelehrte habe angesichts der Überreste lapidar festgestellt: „En ass et!“
Der Tag vor dem 600. Todestag wurde zum Tag der Rückführung in sein Geburtsland Luxemburg. Johann von Luxemburg (Jan Lucemburský) geb. 10. August 1296; später der Blinde genannt, König von Böhmen von 1310 bis 1346, Markgraf von Mähren, Graf von Luxemburg und Erbkönig von Polen, fiel in der Schlacht der Franzosen gegen die Engländer bei Crécy, Frankreich (heute: Crecy-en-Ponthieu, Department Somme) am 26. August 1346. Die Tatsache, dass er als Blinder, geführt durch zwei Ritter an seiner Seite, in die Schlacht zog, in der er umkam, brachte ihm die spätere Bezeichnung Johann der Blinde ein.
Die Tagesbefehle der großherzoglichen Streitkräfte vom 20. August 1946 und 22. August 1946, freundlicherweise und mit Unterstützung des Kurators im Diekircher Militärmuseum Musée National d’Histoire Militaire Diekirch, Roland Gaul, vom Archives de l’Armée Luxemburg, zur Verfügung gestellt, beschreiben sowohl die Route, den exakten Zeitablauf als auch das komplette militärische und zivile Zeremoniell der Überführung am 25. August 1946.
Das zur jüngeren Geschichte unserer Region zählende Ereignis begann am 10. August 1946, auf den Tag seiner Geburt vor 650 Jahren, mit der Öffnung des Sarges. Der Sarg mit den Gebeinen des Königs war in einem Sarkophag aus schwarzem Marmor in der Grabkapelle in Kastel (heute noch dort zu besichtigen) aufbewahrt.
Am 25. August 1946, einen Tag vor dem 600 Jahre zurückliegenden Todestag des Herrschers sollte sich der Tross in Begleitung wichtiger Persönlichkeiten Richtung Luxemburg in Bewegung setzen.

Die Generalorder der luxemburgischen Armee, Nr.5 vom 20.08.1946 und Nr. 6 vom 22.08.1946, in französischer Sprache (mit sinngemäßer Übersetzung ins Deutsche) sind hier verlinkt. 

Die Regierung des Großherzogtums Luxembourg gibt hiermit bekannt, dass die sterblichen Überreste von König Jean dem Blinden, König von Bohême und Graf von Luxembourg, aufgrund des 600jährigen Todestages des Nationalhelden, am 25. August an Luxembourg rückgeführt werden.

Die folgende „Ordre général Nr.6 “ vom 22. August 1946, beinhaltet die Anordnungen zur militärische Zeremonie anlässlich der Rückführung der Sterblichen Hülle von König Jean dem Blinden an Luxemburg am 25. August 1946.

Der Tagesbefehl vom 22. August 1946 beschreibt weiter auch die Route durch das „besetzte Gebiet“ von Kastel über Trassem, Meurich, Kirf, Münzigen, Sinz nach Remich und die weiteren Ortschaften auf der luxemburgischen Seite.

Tawern war also von dieser Rückführung nicht berührt. Bei der vom Gastwirt berichteten militärischen Ehrenformation vor der Gaststätte (damals Hauptquartier der luxemburgischen Militäreinheit) handelte es sich um die Rückführung eines luxemburgischen Soldaten, der bei einer militärischen Ausbildungsübung in Tawern um Leben gekommen war. Das Unglück erforderte einen Toten und weitere fünf schwerverletze Soldaten.

Gegen 13.00 Uhr setzte sich die militärisch organisierte Kolonne in Bewegung. Über Wahrnehmungen der einheimischen Bevölkerung ist lediglich bekannt, dass zufällig am Wege befindliche Bürgerinnen und Bürger in Kastel dem vorüberziehenden Zug mit Stillstehen Ehre zu erweisen hatten.

25. August 1946. Der eigens angefertigte Transportsarg mit den sterblichen Überresten König Johanns vor der Einfriedungsmauer am Eingangsbereich der Klause in Kastel. Die luxemburgische Illustrierte „Revue“ Nr. 17 aus 1946, von der auch das Foto stammt, schreibt zum Bild: Zó Kastell gin  d’Iwerréchter vun dem Held vu Crécy an den Transportsarg geluegt. Op onser Photo geseit én d’Vertriéder  vum Generol Koenig an als letzeburger Représentanten den Militärdoktor Felten an den Capitaine Albrecht.

Um so größer war die Begeisterung bei der Ankunft des Konvois auf großherzoglichem Boden. Großer Bahnhof, als der Geleitzug mit König Johann kurz nach 14.00 Uhr luxemburgischen Boden auf der Remicher Moselseite erreichte.
Die luxemburgische Familienillustrierte „Revue“ berichtete in der Ausgabe für den 1. – 15. September 1946 unter dem Titel „Onse Blanne Jang ass erom dohem“ in einem mehrseitigen Bildbericht von der Abfahrt in Kastel bis zur triumphalen Ankunft auf dem Bockstein in der Hauptstadt. Eine Kompanie Soldaten des 1. Bataillons war mit Fahnen und Militärmusik angetreten, Bürgerinnen und Bürger, Repräsentanten aus Distrikt und Gemeinden bereiteten ihrem König den gebührenden Empfang. Der Sarg wurde auf eine Lafette verbracht und im Triumpfzug in die Hauptstadt überführt. Zur festgesetzten Stunde, sie war vom Militär auf 16.00 Uhr festgelegt, erreichte der Zug die Geburtsstadt Johanns. Die Illustrierte schrieb: Die ersten Klänge der „Uelzecht“, (landläufig für luxemburgische Nationalhymne) von der Harmonie municipale gespielt, wurden von dem Glockengeläute übertönt, das von den Türmen der Kirchen erscholl. Es verbreitete die Nachricht und alle die es hörten wussten, dass in dem Augenblick Johann der Blinde wieder einmal in seine Geburtsstadt einzog.
Die nachweislich 10. Grabstätte, voraussichtlich die letzte, fand Johann der Blinde, König von Böhmen, Graf von Luxemburg, Sohn Kaiser Heinrichs VII. und Vater Kaiser Karls IV. in der Krypta der Kathedrale Unserer Lieben Frau von Luxemburg.

Das Grabmal des Böhmerkönigs und Grafen von Luxemburg in der Krypta der Kathedrale Notre Dame in Luxembourg. Nach der vorletzten Ruhestätte in Kastel-Staadt sollte dies die letzte Station der Odyssee des Blinden Königs von Böhmen sein. Foto: Autor Krischnig Wikipedia

 

Aus: REVUE, Letzeburger Illustréert Familgeblat, Nr.18, 2. Jahrgang, 1.-15. September 1946, die Geschichte, wie Johann der Blinde, König von Böhmen, Graf von Luxemburg nach Kastell (heute Kastel-Staadt) kam.
Liebevoll und rührend beschreibt der Autor die Geschichte in luxemburgischer Sprache aus dem Jahre 1946 mit dem Titel:

„Dem Jang de Blannen seng Odyssée“
Et wor dem „Blanne Jang“ sein Herzenswonsch no sengem Do’t op Letzeburg zréckzekommen. No der Schluecht bei Crécy, 1346, ass sei Leichnam dofir an sein Hémechtsland bruecht gin a mat gro’ssem Pomp an der Kirch vun der Mönster Abtei begruewe gin. Sei Son Karl huet em e sche’nt Grawmonument errichte geloss mat de Standbiller vu 50 âneren Helden vun der Schluecht bei Crécy. 1544, zwe Johrhonnert derno, go’w Almönster mat dem wonnerbare Graw zerste’ert. De Kinnek Jang go’w dun feierlech an d’Franziskanerklo’schter um Knuedler iwerfe’ert an do an engem einfachen hölze Sarg niewent den Haptaltor beigesat. Do ass et dunn virkomm dat e Sammler vu Kuriosite’ten, de Grof Herrmann vu Manderscheid-Blankenheim de Kapp vun onsem Kinnek gestuel huet.
1592 ass de Jang de Blannen an d’Spidol St. Johann am Gronn iwerfe’ert gin, dât d’Benediktiner geschenkt kruten an dat den Numm „Nei-Mönster“ krût. 1618 wor dât neit Graw ferdeg, dat ganz aus Marmor wor an de Be’mekinnek a Liewesgre’sst durgestallt huet. Während der Belagerong vun der Stâdt am Johr 1884 ass d’Mönster-Abtei verbrannt gin. Dem Jang de Blannen seng Iwerreschter konnten aus de Flâme gerett gin an an d’Benediktinerrefugium an d’Stâdt bruecht gin.
De Louis huet Neimönster nés opbaue geloss an den Held vu Crécy huet en neit Gräwt krut, d’„hellegt Graw“, dât bis vru kurzem an der Kathedral önner dem Ducksal sto’ng an an dem en elo an der Schatzkammer vun der Kathedral leit.
Während der franse’scher Revolutio’n sin dem Be’mekinnek seng Iwerreschter bei engem Bäcker aus der Stâdt, dem Adam Bastian aus der Mönstergâss, verstoppt gin. Hei lo’g de Be’mekinnek an enger Grott am Fiels, vrun dem e Ko’p Holz getesselt wor, ongefe’er ve’er Johr. We de Bäcker gemirkt huet, datt et mat him zu Enn ge’ng, wollt en de‘ kostbar Reliquien op me‘ eng secher Platz brengen.
Durch den Här Dutreux-Boch ko’men d’lwerreschter vum Jang de Blannen an d’Schlass vum Boch, dem Propriétaire vun der Fayencerie. Bal ke Mönsch wo’sst dervun, datt op enger Mansard vun dem Schlass d’lwerreschter vun engem Kinnek verstoppt wären. De Son vum Boch, den ]. Fr. Boch-Buschmann, huet 1809 zu Mettlach eng Fayencerie gegrönnt, an dem Be’mekinnek seng Iwerreschter matgeholl an an sengem naturwössenschaftlechen Kabinett versuergt. Hei huet en eng Ke’er dem Kro’nprenz vu Preisen, dén op Besuch wor, de Sarg gewisen.
De Kro’nprenz huet de Wonsch ausgedreckt, de Blanne Jang iwerloss ze kre’en. 1836 ere’scht ass et zu Letzeburg bekannt gin, an eng Petitio’n direkt un de Kro’nprenz adresse’ert. Awer onse Kinnek go’w de’seit un der Saar, an der Klaus vu Kastell, beigesat.

Literaturhinweis und Quellenangabe:
Die Grabstätten Johanns des Blinden, von Paul Spang,
veröffentlicht in: Jahrbuch für westdeutsche Landesgeschichte, 19. Jahrgang (1993), Seiten 217 bis 234, Foto Sargöffnung
REVUE, Letzeburger Illustre’ert Familgeblat, Nr.18, 2. Jahrgang, 1.-15. September 1946
„Dem Jang de Blannen seng Odyssée“ und Foto Aufstellung in Kastel
Archives de l’Armée, Luxembourg, Tagesbefehle vom 20. und 22. August 1946

Abschließend sei hier noch erwähnt, dass der wohl bekannteste Jahrmarkt, „Die Schobermesse“, in der luxemburgischen Hauptstadt im Jahre 1340 von Johann, König von Böhmen und Graf von Luxemburg begründet wurde.

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