NATO-Jubiläum – Kein Grund zum Jubeln, schon gar kein Grund zum Feiern

Die NATO ins richtige Licht setzen – ein fast unmögliches Unterfangen

Wie fängt man an, wenn man sich als Bürger dieses Landes und Blogger an ein solches Thema heranwagt. Ich beginne mal mit einigen Schlagzeilen westlicher Presse:

    • Bundeswehr-Soldaten auf dem Militärstützpunkt in Rukla in Litauen … 4000 Soldaten an Übungen zur Russland-Abschreckung beteiligt, …. Wieder stehen deutsche Landser an Russlands Grenze und wedeln mit den Waffen.
    • Um der russischen Aggression auf der Krim zu begegnen, hat die Nato 2014 die sogenannte „Speerspitze“ für rasche Einsätze gegründet.
    • Die Manöver heißen „Flammender Donner“ oder „Eiserner Wolf“: Die Bundeswehr will sich in diesem Jahr mit drei Mal so vielen Soldaten an Nato-Übungen zur Abschreckung Russlands beteiligen wie 2017.
    • Mit scharf bewaffneten Kampfjets beteiligt sich die bundesdeutsche Luftwaffe an den sogenannten Luftpolizei-Einsätzen der Nato über der Ostsee, an Russlands Westgrenze.
    • Zurück an der Memel steigt am gegenüberliegenden Ufer nun Rauch auf, die Kampfhubschrauber sind gelandet, noch ein paar Sekunden heftiges Artilleriefeuer. Die Amphibienfahrzeuge verlassen das Ufer stromabwärts, die Panzerwagen rollen durch die Büsche. Der vermeintliche Feind wurde mit Platzpatronen vertrieben. Einige Soldaten scheinen einen Gefechtsstand aus Geländefahrzeugen einzurichten.
    • NATO zeigt mit Manöver Stärke an Russlands Grenze.
    • Deutschland ist daran beteiligt, Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer hat am Donnerstag und Freitag bei drei Kurzbesuchen in Kaunas, Tallinn und Riga den jeweiligen Regierungschefs und Amtskollegen versichert, dass auf Deutschland Verlass sei. Vor allem in Litauen wurde ihr versichert, dass der deutsche Beitrag zur Sicherheit des Landes durchaus noch über die gegenwärtig rund 550 Bundeswehrsoldaten hinaus steigen könnte.

Solche und ähnliche zum Fremdschämen geeignete Nonsenszeilen finden sich in vielen westlichen Presseorganen. Hier und da dringt dann doch noch die Vernunft durch, wenn es an einer Stelle heißt: „Die Bundeswehr hat an der russischen Grenze nichts zu suchen!“

Nato-Hauptquartier in Brüssel. Das symbolisierte Kreuz muss scheinbar herhalten um den friedlichen Charakter des Bündnisses zu demonstrieren. Die jüngste Absicht: Die Bundeswehr baut eine der zwei geplanten neuen Nato-Kommandozentralen. Mit der Aufrüstung will sich das Militärbündnis gegen Russland(!) wappnen.

Worum es wirklich geht
Worum geht es aber letztendlich bei diesem ärgerlichen und auch bösartigem Unfug?
Das Milliardengrab Rüstungsindustrie braucht Feindbilder zur Daseinsberechtigung. Nachdem die Welt vor 30 Jahren nach Auflösung der Ost-West Konfrontation aufatmete, war die vorgenannte Daseinsberechtigung abhanden gekommen. Was sollte also aus dem westlichen „Verteidigungspakt“ werden? Nachdem die „kleinen“ Feinde im Nahen Ostens vorläufig fast abgearbeitet sind, mussten die alten Feindbilder wieder aufleben und längst überwunden geglaubte Konfrontationen wieder hergestellt werden. Wie die heute aussehen, beschreibt Wolfgang Effenberger, Autor, früher Offizier der Bundeswehr, pensionierter Lehrer, Politologe und Sachbuchautor.

Hier geht’s zum Effenberger Beitrag auf KENFM: Tagesdosis 5.12.2019 – NATO-Jubiläumsgipfel.

Bei der Suche nach einer prägenden Einleitung, die auch meine eigene persönlichen Sicht einfasst, begegneten mir in Effenbergs Kommentar zum Nato-Jubiläum zwei Koryphäen unserer jüngeren Geschichte. Sie bieten, und dies schon vor langer Zeit nach der NATO-Gründung, die gesellschaftspolitischen Deutungen eben dieser jüngeren Geschichte an.

Thomas Mann, 1955, deutscher Schriftsteller und einer der bedeutendsten Erzähler des 20. Jahrhunderts, sowie
Karl Jaspers, 1969, Psychiater und Philosoph von internationaler Bedeutung wussten schon lange vor unserer Gegenwart, wie und in welche Richtung die Welt sich entwickeln werde.

Thomas Mann – geb. 6. Juni 1875, gest. 12. August 1955, war ein deutscher Schriftsteller und einer der bedeutendsten Erzähler des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1929 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Foto: Wikipedia

Wie ein Weissagung mahnte Thomas Mann schon 1953  die Europäer über die Entwicklungen, wie sie heute unseren politischen Alltag bestimmen.

Zum Anlass 70 Jahre NATO verwendete Wolfgang Effenberger den folgenden Abriss von Thomas Mann, den er (Effenberger) als leider aktueller als erwünscht bezeichnet:

„Auf der anderen Seite mißfällt mir und beschämt mich eine schwächliche und selbstvergessene Verfallenheit Europas an Amerika, … wie drüben ein immer wieder zu beobachtender tiefer Respekt vor der älteren historischen Würde und Geprüftheit unseres Kontinents mit der Neigung, Europa als ökonomische Kolonie, militärische Basis, Glacis im zukünftigen Atom-Kreuzzug gegen Russland zu behandeln, als ein zwar antiquarisch interessantes und bereisenswertes Stück Erde, um dessen vollständigen Ruin man sich aber den Teufel scheren wird, wenn es den Kampf um die Weltherrschaft gilt […] In dieser sträflichen Neigung, meine ich, werden diejenigen, die drüben roh genug sind, sie zu hegen, bestärkt durch eine würdelose Devotheit Europas vor Geld und Macht, durch die ausgestreckte Bettlerhand, die Nachäffung amerikanischer Sitten, die den bewussten, noch selbstbewussten Europäer beinahe nach Parlamentskommissionen zur Untersuchung von „Un-European-Activities“ verlangen lässt, durch die kniefällige Bewunderung einer freilich imposanten success story, die „amerikanische Geschichte“ heißt, durch die Knechtseligkeit des Souternierten, eine Dienerei, die selbst dem ehrlichsten Freunde Amerikas Gefühle der Freude und Genugtuung einflößt über das kleinste Zeichen von Stolz, Steifnackigkeit, widerstehendem Selbstgefühl, das Europa noch aufbringt in seinem Verhalten zu dem gebietend spendenden Riesen über See. Thomas Mann kehrte nie wieder in die Vereinigten Staaten zurück“.

Karl Theodor Jaspers , geb. 23. Februar 1883, gest. 26. Februar 1969 – war ein deutscher Psychiater und Philosoph von internationaler Bedeutung. Er lehrte zuletzt an der Universität Basel und wurde 1967 Schweizer Staatsbürger. Als Arzt hat Jaspers grundlegend zur wissenschaftlichen Entwicklung der Psychiatrie beigetragen, weswegen man ihm auch die gesellschaftliche Bewertung westlicher Heuchelei zur Aufrüstung gegen die angebliche Bedrohung durch Russland zuerkennen muss. Foto: Wikipedia

Nach den Worten des Philosophen Karl Jaspers ist Frieden nur in Freiheit möglich, und Freiheit nur auf dem Boden der Wahrheit. Solange jedoch Profitgier und Größenwahn die politische Wirklichkeit bestimmen, bleiben die vielbeschworenen westlichen Werte reine Heuchelei und dienen nur als zynischer Vorwand für Krieg und Ausbeutung. Das Ergebnis ist nicht nur wachsendes Elend in der ganzen Welt, sondern auch Unfrieden und Unfreiheit in den westlichen Gesellschaften selbst.

Der stramme Nato-Säbelrassler. Bild: Screenshot ntv

Die NATOOTAN (englisch North Atlantic Treaty Organization „Organisation des Nordatlantikvertrags“ bzw. Nordatlantikpakt-Organisation), im Deutschen häufig als Atlantisches Bündnis oder als Nordatlantikpakt bezeichnet (französisch OTAN – Organisation du Traité de l’Atlantique Nord), ist eine Internationale Organisation ohne Hoheitsrechte. Ihre Mitgliedstaaten behalten ihre volle Souveränität und Unabhängigkeit. Auch Deutschland?

Am 3. Dezember 2019 versammelte man sich in London um den 70. Geburtstag des „stärksten und erfolgreichsten Bündnisses in der Geschichte“ (so der schwedische Nato-Generalsekretär Stoltenberg) zu feiern.

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