Die Welt durfte nicht werden, wie Gorbatschow sie im Sinn hatte

Michail Gorbatschow vollendet heute am 2. März sein 90. Lebensjahr

Michail Gorbatschow auf der UNESCO Gala 2011 in Düsseldorf. Foto: Wikipedia, Michael Schilling

Damals und heute
Die „WELT AM SONNTAG“ schrieb am 21. Oktober 1990
„Bei wenigen bedeutenden Politikern ist so ungewiss, wie ihre Leistung von der Geschichte bewertet werden wird, wie bei Michail Sergejewitsch Gorbatschow“. Sechs Tage zuvor, am 15. Oktober, hatte das Friedensnobelpreis-Komitee in Oslo verkündet, die wichtigste internationale Auszeichnung für die Förderung von Frieden und Verständigung dem Staats- und Parteichef der Sowjetunion zu verliehen.

In der Begründung hieß es, Gorbatschow habe wesentlich mitgewirkt, dass „die Konfrontation der Blöcke durch Verhandlungen ersetzt“ wurde, dass „alte europäische Nationalstaaten ihre Freiheit wiedergewonnen“ hätten und „mehrere regionale Konflikte gelöst worden oder einer Lösung nähergekommen“ seien. Ferner könnten die Vereinten Nationen nun die Rolle spielen, die ihnen „in einer vom Recht beherrschten internationalen Gemeinschaft zugedacht“ sei.

Viel Oberflächliches wird heute sowohl in den Print- als auch in den TV-Medien über den Mann berichtet, der wie kein anderer internationaler Spitzenpolitiker die Welt in euphorische Friedenserwartungen versetzt hat. Erwartungen, die gewissen Kreisen der Wirtschaft und des Kapitals besonders im sogenannten freien und demokratischen Westen so ganz und gar die Perspektiven zu zersetzen drohte. Das Verhängnis schreitet fort.

So hat Gorbatschow am 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer am 9. November 2019 dem Westen vorgeworfen, sich zum „Sieger des Kalten Krieges“ aufgeschwungen zu haben. Es sei ein Fehler gewesen, dass Europa nach dem Ende der Konfrontation zwischen Ost und West keine eigene, moderne Sicherheitsarchitektur geschaffen habe. Die damalige scheinbare Beendigung der Ost/West Konfrontation ist heute wieder aktueller denn je. Russland zum Feinbild zu stilisieren ist das Ziel aggressiver westlicher Außenpolitik. Ein Rückblick zum Blogartikel Nach Maas kommt Mickymaus könnte erhellend wirken.

Wenn heutige Kleingeister den Einflüsterungen derjenigen glauben, die uns erklären, wie der Einfluss Russlands, im Besonderen dessen Präsident Wladimir Putin, den Frieden des angeblich friedlichen Westens gefährden, der sollte, ja der muss nochmal bis zu 30 und mehr Jahre Rückschau halten.

US-Präsident Ronald Regan und der damalige Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Michail Gorbatschow 1985 in Genf. Foto: Wikipedia

Neutrale und wertfreie Rückschau
Wo gibt es die überhaupt noch? Die NachDenkSeiten (NDS) dürften wohl die einzige deutsche unabhängige Plattform für wahrheitsgemäße Informationen des jüngsten Zeitgeschehens sein. Natürlich hat man auch in besonderer Weise des Geburtstages des Mannes gedacht, der ausschlaggebend für die deutsche Wiedervereinigung und die leider nur vorübergehende Entspannung in Europa war.

Der Journalist Christian Müller, u.a. Mitglied der Redaktionsleitung der Schweizer Internet-Zeitung Infosperber («Schweizerische Stiftung zur Förderung unabhängiger Information» (SSUI) und Gastautor der NDS, ist einer der wenigen freien Journalisten, deren Recherchen der Wahrheit untergeordnet sind.

Lesen Sie hier, was Christian Müller für die NachDenkSeiten am Tage des 90. Geburtstages von Michail Gorbatschow zu berichten hat

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2 Antworten zu Die Welt durfte nicht werden, wie Gorbatschow sie im Sinn hatte

  1. Alfons Maximini sagt:

    Es ist schon eine intellektuelle Herausforderung auf den Beitrag über „GORBI“ vorurteilsfrei zu antworten. Insbesondere auf die Ausführungen von Christian Müller, Redaktionsleiter der Schweizer Internet Zeitung INFOSPERBER einzugehen. Wie Egon Sommer meint, einer der wenigen freien Journalisten, deren Recherchen der Wahrheit untergeordnet sind. Das ist ein hoher Anspruch, den niemand nachweisen kann. Im Gegenteil. Sein Sprech über die Causa Nawalny ist verdächtig rechtslastig. Beispiel gefällig. Er spricht über die vermutete Vergiftung Nawalnys. Das ist genau die Formulierung der Russischen Plattform RT DE (zu deutsch: Russia Today Deutschland). Ferngesteuert von sogenannten Rechercheuren und investigativen, unabhängigen und finanzierten Propagandaapparat Russlands. Ich sage bewusst Russlands, weil es schlecht nachzuweisen ist, dass der Kreml dahinter steckt. Genau wie bei der Vergiftung Nawalnys.
    Jetzt zum 90. Geburtstag von Michail Gorbatschow:
    Ja Gorbi hat die geostrategische Welt etwas verändert. Ein durchunddurch humaner Mensch wie Helmut Ayl schreibt. Ich kann das nicht bestreiten, aber auch nicht in vollem Umfang mittragen. So genau kenne ich den politischen Lebens- und Karriereweg von Gorbatschow nicht. Fest steht aber auch, dass er als Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei und später als Staatschef der Sowjetunion den irrsinnigen Wettlauf zwischen den USA/Nato und dem Warschauer Paktstaaten finanziell nicht mehr mithalten konnte. Und das war für die Zukunft Europas und der ganzen Welt ein Glücksfall. Reagans Star-Wars Programm war aus heutiger Sicht der Schlüssel der Entspannung zwischen Ost und West. Die Reagan-Gorbatschow Formel in den 80 ger Jahren führte zu etlichen Abrüstungsverträgen und zu entspannteren Beziehungen zwischen den Siegermächten des 2. Weltkrieges und einer Neuordnung in Deutschland und Europa. In dieser Atmosphäre damals haben etliche Staatschefs des Ostblocks sich aus der Umklammerung der Sowjetunion gelöst. Und diese Unabhängigkeitsbestrebungen konnten auch nicht mit Waffengewalt der Sowjets aufgehalten werden. Gorbi hat dafür natürlich den Nährboden geschaffen, das ist unbestreitbar. Das führte allerdings umgehend zu seiner Entmachtung als er 1991 weggeputscht und auf der Krim in Hausarrest fristete. Und wer ging aus diesem Putsch als Sieger hervor? Genau – letztendlich Putin. Der KGB-Mann der mit der Kriegsrhetorik gut vertraut war. Und ja – er hat uns Deutschen die Hoffnung eröffnet, tatsächlich ein liberaler, humaner, weitsichtiger und verantwortungsbewusster Staatenlenker zu werden, wie Helmut Ayl über Gorbi schreibt. Aber wir Deutschen haben die offen ausgestreckte Hand Putins nicht weggeschlagen. Putin hat sie selbst zurückgezogen. Aber es ist ja noch Zeit dies zu wiederholen und einzuschlagen. Dafür müssen erst die Menschenrechte in Russland greifen. Ich sehe das zur Zeit nicht.

  2. Helmut Ayl sagt:

    „Anstatt Sicherheit rein militärisch zu messen, wie wir es gewöhnlich tun, muss das übergeordnete Ziel die menschliche Sicherheit sein: die Bereitstellung von Nahrung, Wasser und einer sauberen Umwelt und die Sorge um die Gesundheit der Menschen.“
    Dieses Zitat aus den Nachdenkseiten sagt eigentlich fast alles über den Menschen, den Staatsmann Gorbatschow und seine zutiefst humane Einstellung aus. Keine Gesellschaftsform (auch nicht die Demokratie als „schlechteste aller Regierungsformen“, man habe (so Winston Churchill) aber noch keine bessere erfunden) hat es bisher geschafft, diese grundlegenden Menschheitsrechte zu sichern.
    Sogar der TV hat gestern über Gorbatschow getitelt: „Der Vater der deutschen Einheit“. Ja, insoweit stimmt der ihm gemachte Vorwurf, dass er die DDR „verschenkt“ habe. Er hat aber auch den damals schon bestehenden Ostblockländern ohne Gegenleistung die Freiheit geschenkt (was diese weder ihm noch dem heutigen Russland gedankt haben), er hat auch die Wiedergründung der baltischen Staaten erlaubt und ermöglicht, die sich heute (trotz hoher russischer Bevölkerungsanteile) gegen Russland stellen und sich instrumentalisieren lassen.
    Gorbatschow hat darüber hinaus den Zerfall der Sowjetunion zwar verhindern wollen, hat aber den westsowjetischen Staaten und den zentralasiatischen Staaten keine Steine in den Unabhängigkeitsweg gelegt und dies gewaltfrei hingenommen. Welcher Staatenführer hat jemals in der Geschichte „sein Reich“ mit seiner Einflusssphäre freiwillig aufgegeben, anstatt die Panzer rollen zu lassen, niemand hätte dann deshalb einen Krieg angefangen. Er hat damit der Welt einmalige Chancen geboten, die aber aus machtpolitischen Erwägungen des „siegreichen“ Westens ausgeschlagen wurden. Der wahre Sieger über den West-/Ostkonflikt, den stets stilisierten Gegensatz von freiem Kapitalismus und unfreiem Sozialismus, war aber Gorbatschow mit seiner verdienstvollen, im Ergebnis selbstlosen Politik. Wir haben es ihm nicht gedankt und auch die vor 20 Jahren offen ausgestreckte Hand Putins weggeschlagen.
    Er war sicher kein Demokrat im von uns definierten Sinne, aber doch liberaler, humaner, weitsichtiger und verantwortungsbewusster, als viele unserer demokratischen „Staatenlenker.“ Woraus man auch lernen könnte, dass eine, nie zu erreichende und vielleicht auch besser nicht anzustrebende kapitalistisch-demokratische Einheitswelt, nicht der Welten Problemlöser ist, sondern dass früher und heute Staatsmänner unterschiedlicher Herkunft, politischer Ausrichtung und Einstellung als Menschen über Wohl und Wehe ihrer Länder und der Welt entscheiden. In diesem Sinne waren Franklin Roosewelt, Winston Churchill, Willy Brandt, Anwar Sadat, Nelson Mandela, Mahatma Ghandi hervorzuhebende Beispiele. Aber in dem von mir geschilderten Sinne war Michail Gorbatschow der größte Staatsmann des 20. Jahrhunderts. Sein jetzt wieder im Fernsehen zu sehendes Film- und Gesprächsporträt mit dem Filmemacher Werner Herzog sei jedem zum Ansehen empfohlen.

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