„Wenn wir ein bisschen vernünftiger gewesen wären, hätten wir heute den Krieg nicht“

sagte Prof. em. Dr. Dr. hc Winfried Böttcher im Interview des Trierischen Volksfreundes mit Katharina de Mos

Professor (em.) Dr. Dr. h.c. mult. Winfried Böttcher, Geb. 1936 in Morbach (Hunsrück) , von 1973 bis 2001 Professor für Politische
Wissenschaft an der RWTH mit Schwerpunkt Internationale Bezie-hungen und Europapolitik. Foto: ipw RTW Aachen

Noch gestern war meine Absicht, das im Trierischen Volksfreund veröffentlichte Interview mit Prof. Böttcher im neuen Blog vorzustellen und zu kommentieren. Die Gründe und auch die Hintergründe des Ukraine-Konflikte bzw. des russischen Überfalls auf die Ukraine sind so weitgehend diskutiert, meinungsgetragen und standpunktbezogen und als teils ungesichert bzw. unzutreffend verbreitet, dass von meinem Bloggerstandpunkt lediglich Wiederholungen das Ergebnis wäre. Das Interview Böttcher / de Mos ist hier hinter Bezahlsperre verlinkt und für angemeldete Abonnenten frei. Bei Interesse kann es bei mir unter sommer.egon@t-online.de im PDF-Format angefordert werden.
Als gesichert und zutreffend sind die Gründe und Hintergründe des Konfliktes in meinem Blogbeitrag vom 22. März in der allumfassenden Darstellung von Noam Chomsky verlinkt.

Das Thema dieses aktuellen Blogs besitzt nun einen nicht gänzlich neuen, aber schon mal wiederholt angedeuteten Ansatz zur Befriedung des Krieges in der Ukraine.

Im Gastbeiträge von Peter Vonnahme, veröffentlicht heute , 29.03.2022. 9.10 Uhr, bei den NachDenkSeiten (NDS) [wo sonst?]

wirft der Rechtswissenschaftler in einer heutzutage eher gewagten These eine Frage auf, die beim ersten Hinsehen Aufschrecken zulässt.

Selenskyj – tragischer Held oder gewissenloser Zündler?

Im Vorwort zum Gastbeitrag heißt es:
„Seit Kriegsbeginn leuchtet Selenskyjs Stern am westlichen Himmel. Er genießt in olivgrünen T-Shirts seine Rolle als Tag und Nacht präsenter Kriegsheld. In seiner Begeisterung über sich selbst ist kein Raum mehr für den Gedanken, dass er gerade dabei sein könnte, das ihm anvertraute Volk in den Untergang zu führen. Der Gedanke drängt sich ihm derzeit auch nicht auf. Immerhin ist es den ukrainischen Streitkräften gelungen, den russischen Vormarsch auf Kiew zu stoppen, vorerst. Doch bei nüchternem Nachdenken wird klar, dass der Untergang nach wie vor droht. Aus der Sicht der Betroffenen ist Untergang nämlich nicht nur die totale militärische Niederlage im Waffengang, sondern auch der totale Ruin eines Landes in einem auszehrenden Zermürbungskrieg. Dessen Folgen sind grauenvoll, Zusammenbruch der Versorgung, Hunger, Krankheit, Elend, Flucht, Massensterben. Nach Letzterem sieht es im Moment aus. Es ist nämlich nicht damit zu rechnen, dass die militärischen Rückschläge der letzten Tage den „versteinerten“ Kriegsherrn Putin zum Rückzug seiner Truppen bewegen werden. Nach der Analyse schlauer Kreml-Astrologen kann es sich der Diktator nicht erlauben, Schwäche zu zeigen, weil dann seine Tage an der Spitze Russlands gezählt wären. Also wird er sein Zerstörungswerk intensivieren.“

Peter Vonnahme, geboren 1942, hat an der Universität München Rechtswissenschaften studiert. Ab 1978 war er Richter am Verwaltungsgericht München, von 1982 bis zu seiner In-Ruhestand-Versetzung 2007 Richter am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof. Er ist Mitglied der deutschen Sektion der International Association of Lawyers Against Nuclear Arms (IALANA). Von 1995 bis 2001 war er Mitglied des Bundesvorstandes der Neuen Richtervereinigung (NRV).

Das ist aber noch lange nicht alles!
Mit einem Vorwort von NDS-Chef Albrecht Müller verweist dieser auf einen bereits am 07. März 2022 um 10:26 veröffentlichten Standpunkt Vonnahmes, der mit

Putin gehört wie ehemalige US-Präsidenten vor den Internationalen Strafgerichtshof

überschrieben ist.

Ein Absatz in diesem Vonnahme-Beitrag deckt sich uneingeschränkt mit meinen eigenen Gedanken zum bedrohlichen Geschehen in Europa. Vonnahme schreibt u.a.:
„Jetzt endlich kommt das, was ungeduldige Leser schon lange vermissen. Ich sage es ohne Umschweife: Putins Kriegsbefehl ist unverantwortlich, brandgefährlich und absolut völkerrechtswidrig. Außerdem hat Putin die Welt hinter die Fichte geführt, mich auch, das ärgert mich. Denn ich habe immer wieder versucht, ihn vor ungerechten Vorwürfen in Schutz zu nehmen. Der einzig angemessene Aufenthaltsort für so jemanden ist der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag. Dort könnte er sich mit amerikanischen Präsidenten (z. B. Bush Vater und Sohn, Clinton, Obama) zum Spaziergang im Gefängnishof treffen. Denn auch sie haben das Völkerrecht mit Füßen getreten. Dieses elitäre Treffen bleibt jedoch bis auf Weiteres ein Wunschtraum.“

Man muss in diesem Vonnahme-Beitrag alles lesen, wenn die Gedanken folgen sollen. Bemerkenswert ist hier die Rolle Deutschlands im Konflikt und das Agieren der aktuellen Bundesregierung und der deutschen Leitmedien. Ein Satz beschreibt alles: Die Hysterie in Deutschland ist heute grenzenlos.
Die Stichworte: Putin-Versteher; Putin; Das Zerwürfnis; Scherbenhaufen; Hysterie; Der Stab über Putin wird gebrochen; Und Russland?; Sanktionen; Waffenlieferungen; Meine größte Sorge; beschreiben den Querschnitt der Gedanken eines klugen Menschen.
In aller Bescheidenheit, eine Normalität, wie auch ich sie verstehe.

Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Europa, Krieg und Frieden, Russland, Ukraine, USA, Welt veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu „Wenn wir ein bisschen vernünftiger gewesen wären, hätten wir heute den Krieg nicht“

  1. Anonymous sagt:

    Zum Nachtrag von Herrn Trauden: Dem Kommentar von Herrn Trauden ist nichts, aber überhaupt gar nichts hinzuzusetzen.

  2. Alfons+Maximini sagt:

    Gutes Beispiel von Herrn Trauden. Ich gehe noch weiter: Putin möchte nicht nur mein Haus, mein Dorf sondern nichts weniger als das ganze (Bundes-) Land. Nur weil er kruden Ideen verfallen ist, dass ein Großrussisches Reich bzw. slawisches Rus in Europa geschaffen bzw. wiedergeschaffen werden soll.
    Ich war nie ein bedingungsloser Freund der USA und der Hegemonialpolitik mancher Präsidenten v.a. was Lateinamerika angeht, aber wenn ich die Wahl hätte in welchem Land ich lieber leben möchte, ist meine Antwort klar: in den USA.

  3. Peter+Trauden sagt:

    Der Beitrag von Herrn Vonnahme befeuert die Rhetorik der Feiglinge.
    So wie etliche andere kann er sich wohl nicht einmal vorstellen, wie es ist, vom starken Nachbarn überfallen zu werden. Seine Sorge gilt sofort dem bedrohten Weltfrieden, also in letzter Konsequenz sich selbst. Ja, es ist bedrohlich und ja, was der ukrainische Präsident da macht, ist hochgefährlich. Aber welche Optionen hatte er denn noch?
    Sich Putin ergeben? Das von Herrn Vonnahme erwähnte ukrainische Volk kämpft gerade mit allem, was es hat, damit genau das nicht geschieht. Denn wenn es so käme, wäre der Beweis erbracht, dass mit Gewalt oder der bloßen Androhung davon Politik gemacht werden kann. Und der Sieger hieße immer Putin. Das ist die bittere Wahrheit.
    Möchte man in so einer Welt leben?
    Bricht man die Geschehnisse einmal auf die kleinste Einheit herunter, hieße das: der Nachbar von nebenan mit seiner großen Familie und starken Söhnen kommt bewaffnet auf mein Grundstück, schlägt alles kurz und klein und verlangt von mir den sofortigen Auszug, weil er der Meinung ist, das alles gehöre ihm. Ich könne nur bleiben, wenn ich mit meiner Familie nur noch das tue, was er von mir verlangt. Was würde ich wohl machen? Ich will es Ihnen sagen:
    Mit Knüppeln, Steinen und Messern würde ich meine Existenz verteidigen und dabei so viel Lärm machen, bis mir hoffentlich die anderen Nachbarn zu Hilfe kämen. Dabei wäre es mir ziemlich egal, wenn der Aggressor dann damit drohte, das ganze Dorf anzuzünden.
    In genau dieser Situation war der ukrainische Präsident. Inzwischen haben die Nachbarn den Lärm gehört. Und sie haben genau so schreckliche Waffen wie der Angreifer. Und damit drohen sie ihm nun. Jedenfalls indirekt. Wenn er also nicht selber auf der Strecke bleiben will, wird er wenigstens versuchen, in Verhandlungen noch ein Stückchen seines ursprünglichen Zieles zu erreichen. Schlimm genug wäre selbst das. Nur, alles wird er nicht mehr bekommen.
    So ist der gegenwärtige Stand. Dank Selenskiy.
    Der Mann ist nicht leichtsinnig oder gar „zündlerisch“, er hat in seiner Verzweiflung nach allen Mitteln gegriffen, die ihm zur Verfügung standen. Gezündelt hat – und das schon seit Jahren – ein anderer.

    • Egon Sommer sagt:

      Als Verfasser des Blogartikels stelle ich fest, dass der verlinkte Artikel von Peter Vonnahme „Selenskyj – tragischer Held oder gewissenloser Zündler?“ offenbar einen sehr wunden Punkt getroffen hat. Die aktuelle Lage in der Ukraine, in Russland, im Resteuropa und besonders in Deutschland begründet deshalb eine persönliche Nachbetrachtung.
      Die wuchtige Feststellung von Herrn Trauden: „Der Beitrag von Herrn Vonnahme befeuert die Rhetorik der Feiglinge“, hat bei mir den Anstoß erzeugt, zu der im letzten Absatz des Vonnahme-Beitrags von der „Brecht Parabel“ zum kaukasischen Kreidekreis eine Option, bzw. zumindest eine nachdenkenswerte Überlegung im Nachhinein anzufügen.
      Es ist meine Fragestellung, mit welcher Aktion Selenskyj wohl weltweit die absolute und höchste Anerkennung hätte erfahren können und das Ansehen eines großartigen Menschen erlangte, wie diese Welt nur sehr wenige hervorgebracht hat. Ich erinnere an den gewaltlosen Widerstand, den Mahatma Gandhi, der im August 1947 das Ende der britischen Kolonialherrschaft über Indien durch zivilen Ungehorsam herbei führte.
      Wenn Selenskyj, statt alle Welt um militärische Unterstützung zu animieren, mit der gleichen Inbrunst, wie er sie heute tagtäglich offenbart, sein Volk vor dem schlimmen Untergang bewahrte, in dem er die Waffen niederzulegen verfügte, wäre die Beschämung bei all denjenigen, die ihn noch zur Aufrüstung anfeuern unendlich groß; am größten jedoch bei Putin und seinen Mittätern, sofern man ihnen das kulturell zugesteht. Den politischen Prachtexemplaren in den USA, Europa und auch im westergebenen treuen Deutschland fällt leider nichts anderes ein, als Waffen zu schieben – Richtung Ukraine. Die Folge kann nur sein, solange Waffen nachzuschieben, bis alle tot sind.
      Kurzzeitig habe ich an die Version des passiven und gewaltfreien Widerstandes geglaubt, als Fernsehbilder aus der Ukraine eine riesige Menschenansammlung zeigten. Mit Sicherheit hätte kein russischer Soldat es gewagt, in die Menschenmenge zu schießen. Das heutige Bild der Ukraine ist das Ergebnis der militärischen Gegenwehr, ob mit oder ohne Erfolgsaussicht.
      Da stehe ich schon eher zu der Weisheit des chinesischen Philosophen Laotse, der bereits vor 2.800 Jahren wusste: „Der Gewalt auszuweichen ist Stärke“.

      Ein Nachtrag fehlte hier noch, der im Rahmen eines persönlichen Mail-Austausches mit Herrn Trauden entstanden ist. Aufgrund des von mir vorverfassten Kommentars schrieb mir Herr Trauden bereits am 31.03.2022 die folgende Entgegnung, deren zusätzliche Veröffentlichung von ihm freigegeben wurde:
      „Lieber Herr Sommer,
      so sehr ich Sie schätze, so sehr glaube ich Sie im Irrtum.
      Einem Wladimir Putin mit der Philosophie Mahatma Gandhis entgegenzutreten, wäre meiner Meinung nach der reine Selbstmord. Nachdem die Russen dieses enorme Potential an militärischem Gerät und Mannschaften über die Grenze gebracht haben, wäre beim Nichteingreifen der ukrainischen Armee gemeinsam mit der mutigen Zivilbevölkerung eines unausweichlich gewesen – die Liquidierung des Regierungsapparates um Präsident Selenskiy und der Klitschko – Brüder. Das war sehr unzweideutig aus der Kriegsbegründung des Kreml-Herrschers herauszuhören. Und so sehr auch ich mir wünschte, man könnte mit anderen Mitteln das Gemetzel beenden, so sehr glaube ich, dass Putin nur diese Sprache des Widerstands versteht. Deshalb glaube ich auch – umgekehrt zu anderen Thesen – dass eine unterwürfige Haltung zu Ergebnissen geführt hätte, die wir ebenfalls sehr kontrovers diskutieren würden, nämlich die Verhaftung, Verschleppung und letztlich Ermordung aller, von denen Putin geglaubt hätte, sie stünden ihm im Weg. Und das wären auch nicht gerade wenige gewesen.
      Übrigens: weder Gandhi noch Laotse lebten in Zeiten der „social Media“.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.