Norbert Walter-Borjahns und das Russland-Bashing

SPD-Chef Walter Borjahns wirft Putin und Assad Völkerrechtsbruch vor
und vergisst dabei, wer den „Regimechange“ geboren und das Unglück über Syrien gebracht hat.

Sollte es sich bei der Meinungsäußerung von Norbert Walter Borjahns um einen kurzen Blackout gehandelt haben, muss er sich schleunigst korrigieren. Die Waffen müssen unverzüglich ruhen, damit humanitäre Hilfe in der Region möglich wird, sagt dagegen Saskia Esken.  Foto: SPD.de

Das westliche Meinungsbild über Syrien, den Irak, Libyen, Iran, Afghanistan, Venezuela und viele weitere Länder dieser Erde sind nach US-Sichtweise Schurkenstaaten, die zerstört werden müssen.
Opportunismus pur ist das, was Norbert Walter-Borjahns gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) äußerte. Er
setzt sich damit zwischen die Stühle und stellt sich hinter die feindselige Syrien-Propaganda der westlichen Medien. Russland und Syrien seien die Täter des Völkerrechtsbruches in Syrien. „Assad und Russland“ seien für die Tragödie von Idlib „verantwortlich“.

„Was wir in Syrien erleben, ist ein kollektives Versagen und sich schuldig machen der so genannten ´internationalen Gemeinschaft`, so Rolf Mützenich, SPD-Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag im Diplomatenjargon.
„Das Land ist zum Spielball geopolitischer Konflikte geworden. Russland, Iran, USA, Israel, die Türkei – alle mischen mit und heizen den Krieg weiter an. Und die Vereinten Nationen und die Europäische Union sehen hilflos zu und können nichts anderes tun, als sich dauerhaft „besorgt“ zu äußern. Der Westen, oder das, was noch von ihm übrig ist, hat in Syrien schlichtweg nichts mehr zu sagen. Russland, Iran und die Türkei bestimmen seit Herbst 2015 endgültig über das Schicksal des Landes.“
 
Nach Norbert Walter-Borjans war vor Idlib nichts, oder?

Um nur in einfachster Form und von Syrien zu sprechen: Ein bis 2011 kriegsberuhigtes Land wird von sozialen Spannungen – wie sie ausnahmslos in allen Ländern dieser Erde herrschen – und daraus folgernder Unzufriedenheit von einer „demokratisch freiheitlichen“ Clique von außen infiltriert und bürgerkriegsreif angezündet. Soweit zum Anfang des Bürgerkrieges.
Mit Unterstützung Russlands widersetzt sich Assad den kriegerischen Bestrebungen der syrischen Opposition und dem Islamischen Staat (IS), die, gestützt durch US-Einfluss und türkischem Militär, weite Gebiete Syriens unter Kontrolle bringen.
Die Terrorprovinz Idlib ist heute die Hochburg der Extremisten. Hayat Tahrir al-Scham (HTS), ein extremistisch-islamistisches Bündnis verschiedener Milizen, die im Bürgerkrieg in Syrien kämpfen, wird international als Terrororganisation angesehen. Mehr als eigenartig ist, dass unter anderem die Türkei, Kanada und die USA dieses Bündnis unter Führung ehemaliger Al-Kaida-Kämpfer anerkennen und stützen. Der Islamische Staat (IS) als eine der bösen Folge des US-Feldzuges gegen den Irak, ist nicht das einzige Großübel in dieser Region. 
Dass zivile Strukturen in Orten wie Kafranbel, Maarat al Numan und Atareb eine Übernahme durch die Dschihadisten erfolgreich abwenden konnten und sich in der Provinz eine bemerkenswerte medizinische Infrastruktur entwickelte, die HTS nicht anzurühren wagte, findet kaum Beachtung. Dabei hat sich die Kombination aus funktionierender lokaler Verwaltung und aktiver Zivilgesellschaft als effektivste Waffe im Kampf gegen die Extremisten erwiesen.

Bis heute dachte ich, dass alles Unglück, das in den letzten 75 Jahren über die Welt hereingebrochen ist, den Hegemoniebestrebungen unserer „Freunde“ diesseits und jenseits des Atlantiks zu verdanken ist. Diese Denken über unsere „Freunde“ sucht sich nun andere Schuldige.

Glaubt denn ein deutscher SPD-Chef allen Ernstes, heutzutage noch einen politischen Vorteil daraus zu ziehen, wenn er sich bereitwillig einer Position anschließt, die einerseits aus einer Nützlichkeitserwägung herrühren mag und andererseits der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger (gleichzusetzen mit Wählerinnen und Wähler) selbstständiges Denken aberkennt.

Sollten ausgerechnet Norbert Walter-Borjans und auch Saskia Eskens, von denen ich eine Abkehr von fremdgesteuerter Rhetorik hin zu einer ehrlichen Betrachtung der Nahostpolitik erwartete, der unendlichen Vergesslichkeit zum Opfer gefallen sein?

  • Bestehen unter den Besuchern und Lesern meines Blogs Zweifel daran, wer die Menschen in den zerbomten und zerstörten Ländern des Nahen und mittleren Ostens gezwungen hat, in der übergroßen Not und Angst um ihr Leben ihre Heimat zu verlassen?
  • Zweifelt irgend jemand daran, dass es die menschenverachtende US- Philosophie (unterstützt durch westliches Vasallentum) des sogenannten verbrecherischen „Regimechange“ ist, die in den letzten 25 Jahren unsere Welt auf den Kopf gestellt hat?
  • Zweifelt irgendwer daran, dass es nicht Putin und Assad waren, die das mörderische Kriegsspiel im Nahen Osten verschuldet und eröffnet haben?
  • Zweifelt irgend jemand daran, dass der „demokratische Westen“ und insbesondere der Weltpolizist USA die Hauptschuld an den Ursachen für die massenhafte Flüchtlingskatastrophe tragen?

ZEIT-Online: „Niemand wird Assad aufhalten“

Kristin Helberg (* 1973 in Heilbronn) ist eine deutsche Journalistin. Sie studierte in Hamburg und Barcelona Politikwissenschaft und Journalistik. 1995 bis 2001 arbeitete sie beim NDR. Von 2001 bis 2008 lebte sie in Damaskus in Syrien, wo sie lange Zeit die einzige offiziell akkreditierte westliche Korrespondentin war. Sie arbeitet als freie Journalistin für die ARD, den ORF, das Schweizer Radio DRS und das Schweizer Fernsehen. Kristin Helberg ist mit einem Syrer verheiratet. Bild: licensed under the Creative Commons (CC)

Der zusammengefasste Artikel in ZEIT-Online vom 11. August 2018, also schon vor gut eineinhalb Jahren, beschreibt die Tragödie um Idlib, wie sie sich heute darstellt. 
Fällt der letzte Zufluchtsort für Baschar al-Assads Gegner, hat das Regime gesiegt – mit Folgen auch für Europa, schreibt die Autorin Kristin Helberg.

Syrien, Libyen, Irak sind nach kriegerischen Vergewaltigungen durch den freiheitlich demokratischen  Westen zerstört. Die Waffenindustrie feiert Hochkonjunktur. Es bleibt die zynische Frage nach den nächsten Schlachtfeldern. Die Namen sind schon bekannt!

Zum Abschluss meines Artikels noch die Eröffnung einer Titelgeschichte der NachDenkSeiten von heute, 05. März 2020 um 16:58:

„Russland ist schuld!“ am neuen Flüchtlingsstrom – ein weiterer Beleg dafür, dass die totale Manipulation möglich ist

In den letzten Tagen erschien in mehreren Medien der hier verlinkte und weiter unten wiedergegebene Artikel „Nicht Ankara, Russland ist schuld“. Verfasser ist Matthias Koch, Mitglied der Chefredaktion von RND. Nach Meinung eines NDS-Lesers ist das Volksverhetzung. Jedenfalls ist es ein übles Machwerk, aus meiner Sicht Teil eines groß angelegten Versuchs, die Verantwortung des Westens für das Elend in Syrien und im Irak, einschl. der Verantwortung für die großen Fluchtbewegungen auf andere abzuschieben. Der Westen betreibt zusammen mit einigen Golfstaaten seit 2011 einen Regimechange in Syrien. Teil der Strategie sind die Förderung islamischen Terrors und das Aushungern des syrischen Volkes mit dem Ziel, möglichst viele Menschen und insbesondere Fachleute zur Flucht zu veranlassen. Teil der Destabilisierung ist auch die völkerrechtswidrige militärische Intervention der Türkei im Nordwesten Syriens. Syrien wehrt sich mit Hilfe Russlands. Das Fazit deutscher Medien: Die Russen sind schuld! Albrecht Müller.

 

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