Das Damoklesschwert über uns

Deutscher Bundestag – 17. Wahlperiode –  Drucksache 17/12051

Prof. Dr. Lothar H. Wieler mit Gebärdenübersetzerin. Seit 2015 leitet er das RKI als dessen Präsident.  Alle TV-Zuschauer kennen das besorgte Gesicht des Wissenschaftlers und hören seine dringenden Appelle, „Abstandhalten und zu Haus bleiben“  als derzeit einzige Schutzmaßnahmen vor dem Corona-Virus. Bild: Screenshot ntv

Kein Mensch konnte erahnen, was uns in Deutschland, Europa und in der ganzen Welt mit einer pandemischen Infektionswelle überrollt. Wie arglos und ahnungslos sind wir Normalbürger, keine Gedanken an solch katastrophales Geschehen zu denken, das die Welt aus den Angeln hebt.

Das Robert Koch-Institut (RKI)
Anders jedoch die wissenschaftlichen Studien, die das RKI, die zentrale Einrichtung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention, im Jahre 2012 vorlegte.

Von einem guten Freund aus dem Saarland bekam ich erstmals den Hinweis auf die o.g.  Bundestagsdrucksache 17/12051 vom 03.01.2013, die ich für mich selbst auch als starken Beitrag zur persönlichen Bildung ansehe. In Maybritt Illners Talksendung am 26.03.2020, u.a. mit dem SPD-Gesundheitspolitiker Prof. Dr. Karl Lauterbach, fand die Abhandlung kurze Erwähnung, jedoch keine Grundsatzdiskussion. Es handelt sich bei der Drucksache um einen Bericht der Bundesregierung über Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012. 

Der Abschnitt 2.3, Seite 5 der Drucksache, eröffnet das bedrückende Szenario einer  Risikoanalyse durch das RKI. 

Es beschreibt „ein außergewöhnliches Seuchengeschehen, das auf der Verbreitung eines neuartigen Erregers basiert. Hierfür wurde der zwar hypothetische, jedoch mit realistischen Eigenschaften versehene Erreger „Modi-SARS“ erfunden. Die Wahl eines SARS-ähnlichen Virus erfolgte u. a. vor dem Hintergrund, dass die natürliche Variante bereits 2003 sehr unterschiedliche Gesundheitssysteme schnell an ihre Grenzen gebracht hat. Die Vergangenheit hat bereits gezeigt, dass Erreger mit neuartigen Eigenschaften, die ein schwerwiegendes Seuchenereignis auslösen, plötzlich auftreten können (z. B. SARS-Coronavirus (CoV), H5N1-Influenzavirus, Chikungunya-Virus, HIV). Unter Verwendung vereinfachter Annahmen wurde für dieses Modi-SARS-Virus der hypothetische Verlauf einer Pandemie in Deutschland modelliert, welcher sowohl bundesrelevant als auch plausibel ist.“ 

Prof. Dr. Dr. h.c. Reinhard Burger – Präsident des RKI von 2010 bis 2015. Unter seiner Präsidentschaft entstand 2012 das Pandemie-Szenario mittels des fiktiven Virus „Modi-SARS“.  Foto: RKI

Das RKI, damals geleitet durch Prof. Dr. Dr. h.c. Reinhard Burger, beschreibt diese Risikoanalyse unter „Bevölkerungsschutz Bund“, Stand: 10.12.2012.
Pandemie durch Virus „Modi-SARS“.

Der Unterpunkt “2.3 Risikoanalyse Pandemie durch Virus Modi-SARS” befasst sich mit der hypothetischen Beschreibung einer Pandemie, hervorgerufen durch eine Variante des SARS-Virus und in Analogie zum ersten SARS-Ausbruch im Jahr 2003. Diesem hypothetischen Virus wird der Name “Modi-SARS-Virus” gegeben.

Auf gut 30 Seiten erfolgt eine Analyse der gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Auswirkungen innerhalb der Bundesrepublik Deutschland einer durch dieses Modi-SARS-Virus hervorgerufene Pandemie. Ein Szenario als Ergebnis der Simulationsstudie sind dramatische Auswirkungen in den “Schutzgütern” (so der Begriff in der Studie) “Mensch”, “Volkswirtschaft” und “Immateriell”, mit mehreren Millionen Toten alleine im Gebiet der BRD (Abbildung 1, Seite 62).

Die 2012 erstellte Studie diente dem Erkennen und der Alarmierung von Regierung und Parlament im Hinblick auf künftige nicht absehbare aber mögliche pandemische Gesundheitskatastrophen. Diese Art der Gewinnung vorausschauender Szenarien ist Regierungsauftrag zur Vorsorge.
Man darf es so nennen: Halbherzigkeit und Arglosigkeit der Verantwortlichen des Staates haben die vollumfängliche Bereitstellung der Notfallversorgung im Falle einer Pandemie auf die leichte Schulter genommen und von der Hoffnung gelebt, so schlimm wird es schon nicht kommen.

Erst jetzt, nachdem der aktuelle Virus SARS-CoV-2 (COVID-19) die Menschen rund um den Erdball bedroht, besinnt man sich auf Notmaßnahmen, um die notwendigen Katastrophenausstattungen sicher zu stellen. Das Menetekel, das vor über acht Jahren an die Wand geschrieben wurde, hat nicht ausgereicht, die Begegnung einer Pandemie als Staatsziel nachhaltig zu verfolgen.

Der im Jahre 2012 untersuchte hypothetische Erreger “Modi-SARS” weist jedoch im Vergleich zum aktuell grassierenden Corona-Virus SARS-CoV-2 deutlich gefährlichere Eigenschaften auf. Die Resultate der Studie sind daher nicht auf die aktuelle Epidemie von COVID-19 zu übertragen; dennoch geben sie Einsichten in mögliche Auswirkungen einer unkontrollierbaren (oder unkontrollierten) Pandemie.

Die Unterschiede (und Gemeinsamkeiten) zwischen dem in der Studie angenommenen Virus Modi-SARS und dem aktuell sich pandemisch verbreitendem Erreger SARS-CoV-2 umfassen u.a. die folgenden Punkte (Absatz 2: Beschreibung des Ereignisses, Seite 58f).

Zur folgenden Tabelle: Die Hervorhebungen und Kommentare erfolgten nachfolgend durch einen medizinischen Laien und dienen lediglich der Hervorhebung der unterschiedlichen Modell-Annahmen in der Modi-SARS-Studie.

Eigenschaft Modi-SARS (hypothetisch)
(Quelle: Drucksache 17/12051, Deutscher Bundestag)
SARS-CoV-2 (aktueller Virus)
(Quelle: RKI, Steckbrief COVID-19*, abgerufen am 30.03.2020)
 
Inkubationszeit Mittel 3-5 Tage, Spanne 2-14 Tage Mittel 5-6 Tage, Spanne 1-14 Tage
Kommentar Die niedrigere mittlere Inkubationszeit von Modi-SARS führt zu einer schnelleren und aggressiveren Verbreitung des hypothetischen Virus.
Manifestations-index (Anteil der Infizierten, der tatsächlich erkrankt) Fast alle Infizierten erkranken […]” Drei Studien aus unterschiedlichen Settings (Kreuzfahrtschiffausbruch, evakuierte Reiserückkehrer, Kontakt-basierte Fallsuche) bezifferten Werte von 51%, 69% bzw. 81%
Kommentar Die Erkrankungsraten (Manifestationsindex) liegen beim hypothetischen Virus Modi-SARS deutlich über den beobachteten Raten von SARS-CoV-2 (COVID-19).
Infektionsweg und Infektiösität Die Übertragung erfolgt hauptsächlich über Tröpfcheninfektion, da das Virus aber auf unbelebten Oberflächen einige Tage infektiös bleiben kann, sind auch Schmierinfektionen möglich.

Mit Auftreten der ersten Symptome sind die infizierten Personen ansteckend.

Der Hauptübertragungsweg in der Bevölkerung scheint die Tröpfcheninfektion zu sein. Theoretisch möglich sind auch Schmierinfektion und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen.

“[…] weil die Ansteckung im Allgemeinen erst dann erfolgt, wenn ein Fall symptomatisch geworden ist.“

Kommentar Typische Verbeitungswege für Atemwegsinfektionen.
Symptome “Die Symptome sind Fieber und trockener Husten, die Mehrzahl der Patienten hat Atemnot, in Röntgenaufnahmen sichtbare Veränderungen in der Lunge, Schüttelfrost, Übelkeit und Muskelschmerzen.
Ebenfalls auftreten können Durchfall, Kopfschmerzen, Exanthem (Ausschlag), Schwindelgefühl, Krämpfe und Appetitlosigkeit.”
Husten               55 %
Fieber                 39 %
Schnupfen         28 %
Halsschmerzen 23 %
Atemnot           3 % Weitere Symptome: Kopf- und Gliederschmerzen, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen, Durchfall, Konjunktivitis, Hautausschlag, Lymphknotenschwellung, Apathie, Somnolenz
Kommentar Die Symptombeschreibung von Modi-SARS orientiert sich am Krankheitsbild SARS; die Annahme, dass die Mehrzahl der Patienten (also über 50%) die schwere Komplikation “Atemnot” aufweist, deckt sich nicht mit den Beobachtungen des aktuellen Ausbruchs von COVID-19 (lediglich 3% Atemnot) 
Letalität Die Letalität (Anteil der Erkrankten, die als Folge der Infektion versterben) ist mit 10% der Erkrankten hoch, jedoch in verschiedenen Altersgruppen unterschiedlich stark ausgeprägt. Die Angaben streuen je nach Studie/Untersuchung:
Am 27.02.2020 z.B. war der erste Anteil für die von China gemeldeten Fälle 3,5% (2.747 / 78.514), und der zweite 7,7 % (2.747 / (32.926 + 2.747)). […]
In den anderen chinesischen Provinzen lag der Fall-Verstorbenen-Anteil deutlich niedriger (am 26.02.2020 0,8 % (103 Todesfälle / 13.004 Fälle)), außerhalb Chinas (1,5 % (44 / 2.918)).
Kommentar Die Letalität, d.h. der Quotient aus “Verstorbenen” geteilt durch “Infizierte”, lässt sich nur dann verlässlich angeben, wenn man die exakten Zahlen von Verstorbenen und Infizierten kennt. Die Zahl der Verstorbenen ist relativ sicher bekannt (es ist jedoch nicht immer eindeutig, ob jemand AN einer Infektion oder MIT einer Infektion verstorben ist), die Zahl der Infizierten lässt sich aktuell immer noch nicht angeben. Verschiedene Studien gehen von einer Dunkelziffer von 90% aus, da die Symptome einer Infektion mit SARS-CoV-2 in ca. 80% der Fälle mild oder ganz symptomlos verläuft. Die angegebene Letalität ist also – sieht man von Verwendung von Simulationsmodellen ab – lediglich eine obere Grenze; der tatsächliche Wert liegt niedriger!

Zum Vergleich: Fallzahlen der Johns-Hopkins-Universität, abgefragt am 30.03.2020, 16 Uhr: 724.201 Infizierte, 34.026 Todesfälle, ergibt eine Case-Fatality-Rate (CFR) von 34026/724201 = 0,047 = 4,7 % (weltweit) und für Deutschland eine CFR von 560/62435 = 0,009 = 0,9 % (BRD). Diese Werte sind eine massive Überschätzung, da hier keine Dunkelziffer angenommen wurde; und selbst diese liegen weit unter der angenommenen Letalitätsrate von 10% von Modi-SARS. Das RKI zitiert Studien, die eine Untererfassung der Infiziertenzahlen um einen Faktor 11 bis 20 angeben (die tatsächlichen Infiziertenzahlen lägen demnach um einen Faktor 11 bis 20 höher als die erfassten; damit würde die Fall-Sterblichkeits-Rate (CFR) für Deutschland auf 0,08% bis 0,04% zurückgehen).

Alters-abhängigkeit “Für das Modellieren der Zahlen an Erkrankten und Betroffenen im Szenario gehen wir davon aus, dass alle Altersgruppen gleich betroffen sind.” < 5 Jahre: 0,8 %
5–14 Jahre: 2,4 %
15–59 Jahre: 80 %
≥ 60 Jahre: 16,3 %
Stand: 18.03.2020
Kommentar Die Simulation unterscheidet nicht nach Alter.
Behandlung und Impfung Zur Behandlung stehen keine Medikamente zur Verfügung, so dass nur symptomatisch behandelt werden kann. Ein Impfstoff steht ebenfalls für die ersten drei Jahre nicht zur Verfügung. Nur symptomatische Behandlung.

Kein Impfstoff verfügbar

Kommentar Zur Zeit finden Studien verschiedener Wirkstoffe statt, in denen untersucht wird, ob sie die Erkrankung ursächlich behandeln können.

Zu nennen sind hier etwa Remdesivir, Hydroxychloroquin, die Kombination Ritonavir und Lopinavir. Alle diese Mittel sind entweder bereits im Einsatz (Hydroxychloroquin gegen Malaria, Ritonavir und Lopinavir gegen HIV) oder es gab bereits Verträglichkeitsstudien (Remdesivir gegen Ebola). Therapien stehen vermutlich also wesentlich schneller zur Verfügung, als in der Modi-SARS-Studie angenommen. Dasselbe gilt für Impfstoffe und Immunmodulanzien (wie etwa Beta-Interferon).

Das Szenario Drei Jahre Hilflosigkeit im Modi-SARS-Szenario ist (vermutlich) nicht zu erwarten.

* Steckbrief COVID-19, RKI, https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html,
Abgerufen am 30.03.2020

Fazit: Das Szenario “Modi-SARS” ist wesentlich pessimistischer ausgelegt als die derzeitige Lage mit SARS-CoV-2 (COVID-19); die Ergebnisse der Simulationsstudie sind zum Glück nicht eins zu eins übertragbar.


Zum Abschluss noch ein politischer Seitenhieb auf das, was allgemein als „Denkschmiede“ umschrieben wird und bei Umsetzung zum schlimmen Verhängnis hätte führen können.

Bertelsmann-Stiftung schießt den Vogel ab!
Eine bessere Versorgung ist nur mit halb so vielen Kliniken möglich

„In Deutschland gibt es zu viele Krankenhäuser. Eine starke Verringerung der Klinikanzahl von aktuell knapp 1.400 auf deutlich unter 600 Häuser, würde die Qualität der Versorgung für Patienten verbessern und bestehende Engpässe bei Ärzten und Pflegepersonal mildern.“
Das schreibt die BertelsmannSTIFTUNG am 15.07.2019 auf ihrer Homepage. An die Möglichkeit, einer weltweiten Pandemie, wie sie derzeit die Menschen nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt in Angst und Schrecken versetzt, dachte zu dieser Zeit wohl niemand aus dieser Zunft. Dazu Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, mit unvergleichlicher Kaltschnäuzigkeit:

„Die Neuordnung der Krankenhauslandschaft ist eine Frage der Patientensicherheit und muss vor allem das Ziel verfolgen, die Versorgungsqualität zu verbessern.“

Glück für Deutschland und seine Menschen, dass dieser Ratschlag aus der „Denkfabrik“ Bertelsmann erst Mitte 2019 wie ein Gespenst umging. Wo wären wir, wenn dieser betriebswirtschaftliche „Optimierungsprozess“ schon ein paar Jahre früher umgesetzt worden wäre. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich der Folgen angesichts der herrschenden Corona-Pandemie bewusst zu werden.

Auch das darf gesagt werden:
Dass Liz Mohn, Mutter von Brigitte Mohn, eine enge Freundschaft mit Bundeskanzlerin Angela Merkel pflegt, ist eine vielsagende Tatsache, die man vielleicht in den Zusammenhang und in die Nähe zu der politischen Denkschmiede „BertelsmannStiftung“ bringen darf. Auch Friede Springer, als dritte Frau im Triumfeminat ist als Person mit riesigem Einfluss auf die deutsche Politik ziemlich weit entfernt von sozialstaatlichen Empfindungen.

Als Allerletztes und wer sich die Zeit nehmen will, kann den Blogbeitrag von Roger Letsch mit der Themenüberschrift, „Das Märchen vom leeren Krankenhaus“ lesen; etwas satirisch, dennoch mit Hintergrund.

 

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